| 1999, dritter Preis Der Wettbewerbsentwurf für die jüdische Gedenkstätte zur Erinnerung an die verfolgten und ermordeten Leipziger Juden entwickelt sich aus dem Leitgedanken, den Standort der ehemaligen Synagoge in die gewachsene kulturell-kommunikative Urbanität der Gottschedstraße zu integrieren. Mit dezidiertem und bewußtem Einsatz von minimalen Gestaltungsmitteln wird dem Platz seine eigentliche und eigenständige Identität wedergegeben, so daß dieser sich als ein Ort der Begegnung, Kommunikation und Einkehr darstellt. Die Ausdehnung der früheren Synagoge sowohl in der Fläche als auch im Volumen wird durch die Stilisierung der Wandpfeiler in Form von schlanken Stahlprofilen erfahrbar. Die Reduktion auf das Wesentliche deutet gleichzeitig auf ein einstmals bedeutendes Bauwerk an dieser besonderen Stelle und auf dessen Verschwinden aus dem Bewußtsein der Leipziger Bevölkerung. Vier lebensgroße Freiplastiken, als Betrachter/ Passanten stilisierte Figuren, lenken den Blick auf die im Mittelpunkt in den Boden eingelassene Stahlplatte - eine Nachbildung der Zeitungsanzeige, die unmittelbar nach der Zerstörung der Synagoge veröffentlichtwurde. Erläuterungsbericht Die Errichtung einer repräsentativen Gedenkstätte für die verfolgten und ermordeten Leipziger Juden ist überfällig. Das man sich erst nach 61 Jahren, drei Generationen nach dem staatlich organisierten und sanktionierten Massenpogrom, dem auch die Leipziger Synagogen zum Opfer fielen, dazu entschließt, beweist, daß der Versuch den Akt der Barbarei des Genozids kollektiv zu verdrängen, vollständig gescheitert ist. Die Wahl des Standortes auf der Fläche der gebrandschatzten Gemeindesynagoge stellt die Anforderung, eine Symbiose zwischen historischer Authentizität und kulturellem Kommunikationszentrum, zudem sich die Gottschedstraße in kurzer Zeit entwickelt hat, zu schaffen. Eine Gedenkstätte an dieser Stelle sollte daher nicht mit erhobenen Zeigefinger betrachtet, monumental-moralisierend, ein Elfenbeinturm der Andacht sein. Gedenken kann in dieser Situation nicht ultimativ eingefordert werden, sondern muß sich aus der Gestaltung völlig zwanglos und zwangsläufig ergeben. Leitidee des Entwurfes Mit dezidiertem und bewußtem Einsatz von minimalen Gestaltungsmitteln wird dem Platz seine eigentliche und eigenständige Identität wiedergeben. Der abgewandelte Grundriß der Synagoge wird aus seiner ursprünglichen Lage in den Mittelpunkt des Platzraumes gedreht. Erst dadurch entsteht im Kreuzpunkt Gottsched-/Zentralstraße ein echter Platz, der als solcher auch schon vom Ring her deutlich wahrgenommen wird. Die östliche und südliche Grenze wird durch eine zur Zentralstraße leicht aufsteigende Blockwand gebildet. Von der Nordwest- und Südwestseite ist der Platz durch zwei über die gesamte Kantenlänge des Grundrisses verlaufenden Blockstufen begehbar. Auf dem Platz stehen acht, die Wandpfeiler der Basilika nachbildende, schlanke Stahlprofile.Sie nehmen mit 22 m Höhe die Firstlinie auf, schaffen damit eine Raumillusion und deuten auf die Existenz der Synagoge hin. Vier lebensgroße Freiplastiken werden im Zentrum des Stellagenganges aufgestellt. Diese als Betrachter/Passanten stilisierten Figuren , weisen auf eine in den Boden eingelassene Stahlplatte (ca.100 cm x170 cm). Es handelt sich dabei um die Nachbildung einer Zeitungsanzeige, die unmittelbar nach der Zerstörung der Synagoge veröffentlicht wurde und die aus der Ruine geborgene Mauersteine feilbietet. Der Gesamtplatz grenzt sich gegen die ihn tangierende WBS-70 Bebauung an seiner Südseite mit einer 1 m hohe Brüstung konkret und parallel zum Block ab, eine Abgenzung, die durchaus symbolisch verstanden werden soll. Es soll bewußt ein sichtbarer Bruch zur stummen Verdrängungsdoktrin des DDR-Staates hergestellt werden. Diese Brüstung führt ideel eine Baumreihe fort, die mit einem einzelnen Baum an der Zentralstraße beginnt und parallel zur Bebauung über den nebenliegenden Parkplatz führt. Diese grüne Wand soll eine gerade und dominante Raumkante zur Bebauung bilden und den Auftakt darstellen, den Parkplatz auf dem gesamten Areal zugunsten einer ausgedehnten Freifläche entfallen zu lassen. Störungen der historischen Situation, wie das Parken, sollten gezielt unterbunden werden. Gleichermaßen ist das Anliegen, generell die gesamte Unterpflanzung auf dem Platz roden zulassen. Somit wird von allen Aussichts-bzw. Ansichtspunkten eine visuelle Erfahrbarkeit erschaffen. Entgegengewirkt wird mit dieser Maßnahme zudem, daß eine Parzellierung räumlicher Natur zwischen der Gedenkstätte und der vorhandenen Restfläche entsteht. Prägnant bleibt dabei doch der Gedenkort durch seine Materialität. Zwischen Grenzbrüstung und Stellagenraum, etwa dort, wo sich die Sakristei befand, werden in den Boden mit Stahllettern die zu integrierenden Texte eingelassen. Stellage, Figuren und Texte werden in wetterfesten Stahl hergestellt, rosten also planmäßig an und mildern damit die insgesamt kantige, strenge Silhouette erheblich ab. Die Platzfläche wird mit schwarzen, geschliffenen Granit gepflastert, die Stufen als Blockstufen aus farb- und oberflächengleichem Material hergestellt. Die Vertikalelemente (Brüstung und aufsteigende Wände) werden ebenfalls in schwarzem, aber polierten Granit realisiert. Die Platzbeleuchtung erfolgt über horizontale, in die Umgrenzung des Drachenviereckes eingelassene, dirket über dem Boden liegende Halogenstrahler. Die Beleuchtungskörper werden in einer Schattenniesche selbst nicht sichtbar sein und den Platz in ein gleißendes, diffuses Licht setzen. Die Synagoge als Ort der Zwiesprache mit Gott, Ort des Erinnerns, des Besinnens auf der einen, auf der anderen Seite war sie gerade in Leipzig immer auch ein Ort, der Menschen zusammenführte. Schon der programmatische Aufruf des Dresdner Oberrabbiners Dr. Zacharias Frankel 1837 zum Bau der Synagoge zielt auf die Schaffung Raumes besonders auch für die Glaubensbrüder unter den zahlreichen Messegästen, eben eines Platzes der Begegnung, der Kommunikation, des Dialoges. DIE GEMEINDE - DER TEMPEL - DER PLATZ - EIN ORT DER INTEGRATION, DES MITEINANDERS... |
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